Zerknüllaffe, 2009, Pappel, Gitterrrost Zerknüllaffe, 2009, Pappel, Gitterrrost

Brachial-Poesie


12.03.08

Kletterseile unterschiedlicher Länge hängen von der Decke des Studios im Freiburger E-Werk. Thomas Putze, Bildhauer, Zeichner und Performance-Künstler, krabbelt an einem Seil gesichert durch ein Loch zwischen Wand und Decke. Er hat sich seine Gitarre umgehängt, an deren Hals eine Säge mit Schraubzwingen befestigt ist. Dort oben baumelnd, schnallt er die anderen Seile der Länge nach an seinen Karabinergurt. Putze beginnt einen Bob Dylan-Song zu intonieren und begleitet sich auf seiner Gitarrensäge. Song um Song raspelt er sich, Seil um Seil durchsägend, nach unten. Dabei stößt er sich so energetisch von einem mit Gipskarton verkleideten hohen Fenster ab, dass er mit einem Schuh durch den Gips bricht und endlich nach dem Bersten des letzten Seiles auf einer Pappkiste zu Boden kommt. Umgeben von vielen seiner kleinen Holzskulpturen, die den ganzen Raum bevölkern.

So vielseitig wie Putzes künstlerisches Tun, ist auch sein Lebensweg. Nach der Lehre als Landschaftsgärtner folgten ein Studium der Theologie, Malerei und Bildhauerei. Der 1968 geborene Augsburger war bereits Leiter eines Jagdhauses, arbeitete als Musiker und Illustrator. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Stuttgart, wo er am Nordbahnhof in einer Industriebrache sein Atelier bezogen hat. Für seine Arbeiten findet er dort immer wieder neues Material. Ob dies nun ein Gullydeckel ist, den er in einer Holzpietà gleichsam als Christuskind verarbeitet oder ein Rohr zur Armverlängerung seines „Ritters". Die Stahlfeder eines Spielplatzschaukelpferdes dient als bewegliche Sockelverlängerung einer hölzernen Christusfigur, deren Dornenkrone aus Hartstahlbolzen einer Straßenfräse besteht. Auch die Bearbeitung der Skulpturen mit der Kettensäge, mit der der Künstler dreidimensional zu zeichnen vermag, erscheint vorderhand brachial, das Resultat jedoch ist bisweilen überraschend zart und fragil. Gerade die spröde, splittrige Oberfläche seiner aus Europaletten herausgearbeiteten Figuren scheint Putze zu interessieren, nur hin und wieder bearbeitet er sie. Er brennt sie ab und schrubbt mit der Stahlbürste darüber, sodass die Maserung des Holzes noch kontrastreicher hervortritt. Sein Blick richtet sich genauso auf die Rohheit und die Verletzungen der Oberfläche wie auf den ureigenen Charakter des Materials. „Holz strahlt eine bestimmte Wärme aus", sagt Putze, „wenn ich hier alles aus Stahl und Stein gemacht hätte, wär’s trostlos."

Und trostlos ist seine Kunst keineswegs. Skurril vielmehr und witzig und hin und wieder auch befreiend vulgär: von „verkackt gut die Scheiße" bis „Du bist in der Brunst, kauf Dir eine Kunst" findet sich so manche Rohpoesie auf Kartons und Bildinschriften, die zuweilen auch etwas tiefer gehen als nur unter die Gürtellinie. Immer wieder nuanciert er das Prinzip Hoffnung, karikiert es geistreich, ohne es jedoch gänzlich zu verneinen. So schreibt er unter seine Bauminstallation, die für ihn keine wirkliche Skulptur, sondern ein Übergang von Natur zur Kunst darstellt: „und wenn ich morgen unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen fällen". Seine Christusfigur nennt er „Gladiator", hinter ihren emporgereckten Armen breitet sich nicht ein Kreuz, sondern ein Basketballkorb aus, gleich einem großen Nimbus. Dessen herunterhängendes Netz schlingt sich wiederum um den Hals des Christus. Sportliche Passion oder zeitgenössische Heilsgeschichte? So durchlässig wie das Maschennetz, ist auch der Interpretationsfreiraum für den Betrachter. Putzes Ausstellung ist zugleich eine große Rauminstallation, deren einzelne Teile betrachtet, berührt und bewegt werden dürfen und die zugleich auch auf den Raum also solchen, meist ironisch, Bezug nimmt. So stellt Putze etwa vor dem Rahmen eines Fensters eine in den Raum schreitende Holzfigur auf, die aus einem Fensterrahmen entstanden ist, der wiederum gelackt und sichtbar den langen schmalen Sockel bildet. Der flüchtenden Figur hat Putze einige Glasscheiben unter den Arm geklemmt.

Überall sprüht Bewegung und Energie aus den Bildwerken und ihrer in den Raum gesprengten, epizentrischen Anordnung. Und man darf gespannt bleiben, wie sich diese Kraft bei Putzes Performance zur Finissage Bahn bricht und Gestalt annimmt.

Sören Schmeling

Skizzenfiguren, 2008, je cir. 35cm Skizzenfiguren, 2008, je cir. 35cm
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