bräute 2010
Zerknüllaffe, 2009, Pappel, Gitterrrost
schwere metallgitarre, 68kg
"ausgesetzt"
von Werner Meyer
Charakter und Eigensinn hat Ecken und Kanten, ist ungeglättet, widerspenstig gegenüber der schönen Form. Das betont die Natur des Holzes, aus dem der Hund geschnitzt ist, ungestüm und schnell ist
die Form herausgesägt, herausgebrochen aus dem Stück Holz. Gleichwohl verrät der weiche Gang ein vorausgegangenes, genaues Naturstudium, der gesenkten Kopf die verhaltenspsychologischen
Beobachtung, die schwarzen Flecken, die sichtbaren Zähne einem ästhetischen Blick auf das naturhaft Gemeine - auf den Hund gekommen heißt für Thomas Putze, wie bei allen seinen Kreaturen, sich
den Außenseitern zu widmen, denen, die sich nicht in die Norm, in die Schönheitsideale von Zucht und Ordnung fügen und die dafür ein umso stärkeres, widerspenstiges, unangepasstes Bild von sich
geben. Der Hund von Thomas Putze ist bedrohlich und komisch zugleich, bemitleidenswert und gemein, gefährlich, so wie sich das Erkennen der Natur und Verfremdung, Übertreibung und der Sinn für
das Groteske die Waage halten. Das gilt für den beschriebenen Hund genauso wie für den Hund, der aus zwei Gitterrosten geformt ihm folgt: Niedlich, zur Comic-Zeichenskulptur vereinfacht, ist
gleichwohl eine Gefährlichkeit im Bild angedeutet, die in Form und Material auch wieder gebannt ist. Die konkrete Struktur des Materials hebt das Kreatürliche auf, so wie die Silhouette der
Gitterstruktur gegenständliche Bedeutung einverleibt. In beiden Darstellungen finden sich Anklänge an populäre, dekorative Tierdarstellungen. In dem Ausdruck existenzieller, anrührender
Hässlichkeit oder in abstrakter Zeichenhaftigkeit in artfremdem Material begründet sich der bildhafte Eigensinn, in dem im Form und Material erreichten kritischen Punkt, der das Bild stark
macht und Interpretation herausfordert.
Thomas Putze ist ein Zauberer der Assemblage. Sein Atelier ist, wie die Bilder zeigen, ein Panoptikum seiner Skulpturen und zugleich ein Lager voller Bruchstücke, Fragmente, die ihre
ursprüngliche Funktion und Bedeutung verloren haben und dem Moment entgegensehen, wo die Kombinatorik als künstlerischem, dadaistischem, surrealem, fluxushaftem Prozess der Bildfindung ihren Sinn
neu, unvorhersehbar, überraschend verhandelt. Der „Wursthund“(2009) ist dafür ein wunderbares Beispiel.
Das Schwein, die Sau, hat sich von Thomas Putze schon zu unzähligen Kunststücken verführen lassen und tanzend, in den Seilen, im Kopfstand und mit unerwarteter Akrobatik und Artistik – jede
Skulptur für sich – der Banalisierung und Vergegenständlichung in der Masse und seiner ästhetischen Wertlosigkeit mit Originalität, Würde und Komik gleichermaßen widerstanden.
Dass der Künstler in dem Tier das Bild des Menschen sieht, liegt nahe und hat eine lange Bildtradition. Im Werk von Thomas Putze entwickelt sich ein Panoptikum des Widerstands gegen Norm und
Domestizierung. Das ist allerdings kein politischer Kampf, sondern die Selbstbehauptung mit Witz und Humor, durch Kultivierung des Außenseitertums, des Ungestümen, des Unsinns, des Widersinns,
der Albernheit, des grotesken, hintersinnigen Humors.
Die Reihe der Affen mit dem immer gleichen Gitterquadrat lassen sich wie Capriccios auf die Kunst der Moderne begreifen. Eben dieses Quadrat ist eine klassische modern-minimalistische Form.
Einerseits erklärt sie sich als Konstanten der Reihe, auf der anderen Seite wird es zum Turn- und Übungsgerät der Affen, drunter und drüber, dahinter und davor, bis schließlich ein frei stehender
Affe über dem Kopf mit bloßer, ungestümer Kraft die Form verbiegt – eine Fabel, die das Prinzip der Überwindung sinnfällig macht: Erkundung der Möglichkeiten durch Übung – die letzte Übung ist
die Verformung, die Befreiung in der Zerstörung.
gitteraffen, 2009
art to go, 2009
frauen im shampoohalter, 2009 fichte, tusche, regal
